Mit Orpheus aus der Unterwelt – Anton Proksch Institut (API)

Im Anton Proksch-Institut heißt seit 2009 das große Alkoholenzugsprogramm Orpheus, benannt nach dem griechischen Musiker, der nach dem Dichter Ovid seine früh verstorbene Frau aus der Unterwelt befreien wollte. (Foto: Ovid Metamorphosen, Bucharchiv Oswald 1090)

(Wien, im Juni 2011) Bei Ovid in den „Metamorphosen“ wird die Sagengetalt des Orpheus als tieftrauriger Mensch mit musikalischen Eigenschaften beschrieben. Seine Frau Eurydice ist an einem Biss der Viper verstorben und in der Unterwelt. Orpheus spielt seine Musik, betört den Hades, tritt in die Unterwelt ein und bekommt die Möglichkeit, seine Frau aus dem Schattenreich an die Oberwelt zu holen. Er erhält wegen seiner schönen Musik eine „zweite Chance“. Doch das unmögliche Unterfangen des zweiten Lebens scheitert in der Sage. Er hat die Auflage, sich während der Aufstiegs nicht umzublicken. Doch Eurydice droht schwach zu werden, er will sie auffangen und sie gleitet in das Schattenreich zurück. Orpheus verlässt die Unterwelt alleine wieder und ist am Ende sieben Tage todtraurig. Auch sonst schwört er dem Leben nachher komplett ab und wird ein Schatten seiner selbst.

Das größte Suchtzentrum Europas (Eigendefinition) für Alkoholkrankheiten steht in Wien-Liesing und es ist das Anton-Proksch-Institut. Dort behandelt man vornehmlich Alkoholkranke in einer Entziehungskur. Das aktuelle Programm, dass seit 2009 läuft, heißt „Orpheus-Programm“. Man will dem Patienten eine zweite Chance, ein zweites Leben geben. Wie in der Sage soll am Ende keine Sehnsucht nach dem alten Leben der Abhängigkeit, war sie auch noch so schön, bestehen. Das Programm steht für einen Aufstieg aus der Unterwelt, zugleich für das Loslassen-Können von schönen, alten Dingen und Gebräuchen. Dieses Loslassen ist schmerzhaft. Das wissen die Ärzte, allen voran der ärztliche Leiter Michael Musalek.

Österreich ein „großes Wirtshaus“

Er ist für pointierte Aussagen bekannt. Österreich bezeichnet er als „großes Wirtshaus“, in dem Alkohol bagatellisiert wird. Abstinenz ist „eher die Ausnahme“. Das beruht auch auf Legenden und Volksweisheiten, die falsch sind.

So heißt es landläufig, dass Rotwein-Konsum das Herz schütze. Das ist nicht korrekt. Bestenfalls besteht ein vorteilhafter Effekt für die Blutbahnen, da Alkohol das „gute“ HDL-Cholesterin erhöht und das „schlechte“ LDL-Cholesterin verdrängt. Um tatsächlich einen Herzinfarkt zu verhindern, darf man am Glas aber nur „nippen“. Denn: Der positive Effekt von Alkohol besteht bei sechs Gramm pro Tag, wohingegen ein Achtel Rotwein schon zehn Gramm Alkohol enthält. Alkohol ist nicht gesund, sondern dem Körper reines Gift. Wie erweisen ist, schützt Rotwein vielleicht vor dem Herzinfarkt. Der schwache Trost ist, dass dafür so gut wie jedes (!) andere Organ des Menschen vernichtet wird. Leber, Darm, Nervensystem, Blutbildung, Gelenke (Gicht). Dazu kommen erhöhter Blutdruck und Fettstoffstörungen. Hier dann so zu tun, dass Rotwein dafür das Herz vor dem Infarkt schützt, ist eine schwache Ausrede, da Alkoholkonsum unter anderem auch das Krebsrisiko verzehnfacht, da er Gift für Zellen ist.

Herzschutz nur sechs Gramm pro Tag

Sechs Gramm Alkohol, das „Nippen“, wären Herzschutz. Die Harmlosigkeitsgrenze liegt für Männer bei 24 Gramm, für Frauen bei 16 Gramm pro Tag. Im Schnitt 20 Gramm pro Tag geschlechterneutral betrachtet. Also ein Viertel Wein, ein halbes Bier oder drei kleine Schnäpse. Die Gefährdungsgrenze setzt für Männer bei 60 Gramm reinem Alkohol ein, für Frauen bei 40 Gramm. Das wären zwei halbe Bier oder zwei Viertel Wein täglich. Diese Menge schadet langfristig der Gesundheit.

Das verstehen natürlich die Wenigsten. Denn Alkohol löst Depressionen und er erzeugt sie sogleich. Entzugstherapien machen auch nur die Wenigsten. Der Autor dieser Zeilen kann sich als junges Kind erinnern, wie im Fussballverein im Ort ein Funktionär war, der den Fussball liebte, die Sektion als Stellvertreter gut leitete, aber zu viel trank. Ein kleiner Ort in Oberösterreich, 1986. Es wurde immer schlimmer und eines Tages beschlossen der Trainer (der Vater des Autors dieser Zeilen) und der Sektionsleiter, ihn nach Traun zu fahren. Dort war eine Außenstelle der Landesnervenklinik Wagner Jauregg. Die Aufnahme erfolgte stationär und dauerte einen Monat. Mit einem kleinen Rückfall (nochmalige Aufnahme ein Jahr später) ist der Mann bis heute „trocken“ geblieben, nach wie vor bei den Trainings unter der Woche und jeden Sonntag im Ort am Fussballplatz und wird bald 70 Jahre alt. Wäre es damals so weitergegangen, wäre der Mann 1990 tot gewesen. Die Kampfmannschaft hätte einen treuen Sportsmann verloren. Er ging freiwillig nach vielen Überzeugungen durch die Mitglieder im Fußballverein in die Klinik und er wurde oft besucht. Er trinkt heute Mineralwasser und Orangensaft.

Klinikbesuch erst nach zehn Jahren

Das geschieht bei vielen nicht. Das Proksch-Institut weiß, dass Alkoholsüchtige zu spät Hilfe in Anspruch nehmen. Meist nach zwei bis fünf Jahren. Das heißt aber nicht, dass sich jemand in die Klinik begibt. Das geschieht im Schnitt nach zehn Jahren ab Erkennen der Sucht. Für Früherkennung ist es dann oft zu spät.

Das Orpheus-Programm zielt nicht darauf ab, Abstinenzler heranzuziehen. Das gilt laut ärztlichem Leiter Musalek als „kaum erfüllbare Utopie“. Man will eher den Genuss und die Lebensfreude fördern. Dazu macht man Module während der Therapie. Darunter die „Kinotherapie“. Man geht gemeinsam ins Kino und redet am nächsten Tag über den Film. Eine Philosophiegruppe erörtert Staats- und Sinnfragen. Wer will kann gemeinsam musizieren oder malen. Eine Gartentherapie fördert den Grünen Daumen. Eine Wandergruppe geht gemeinsam in die nähere Umgebung an die frische Luft. Wer will kann sich „Fähigkeiten und Fertigkeiten trainieren, die im Arbeitsalltag nützlich und hilfreich sind“, zum Beispiel im Bereich „Gastronomie, Reinigung, Büro, Instandhaltung oder medizinische Hilfsdienste.“ All das dient Prioritäten. Man weiß, was der klassische Trinker tut: Nichts. Er verlernt Fähigkeiten und versinkt im Missmut. Der Alkohol hebt die Stimmung nur kurzfristig. Das Nichtstun bleibt.

Eine Million Österreich alkoholsuchtgefährdet

Denn die Sucht befällt den ganzen Menschen. 330.000 Personen in Österreich sind alkoholkrank, so das API. Mehr als 700.000 konsumieren Alkohol weit über der Harmlosigkeitgrenze. Täglich und zu intensiv. Zur Sucht ist es nicht weit, auch wenn es jeder bestreiten würde.

Das Suchtmittel soll in der Rangskala „nach hinten“ rutschen, andere Beschäftigungen sollen in den Vordergrund treten. Dann greift die Therapie und neuer Lebenssinn entsteht. Das zweite Leben. Wie bei Orpheus in der Unterwelt, der Eurydice aus dem Schattenreich befreien wollte. Das musste scheitern, weil es ein zweites Leben nicht gibt. Man hat nur eines. Aber durch seine Gabe und seine Musik überwand er Hürden und schaffte einiges. Wenn auch nicht alles. Alles verlangt das Proksch-Institut vom Patienten auch nicht ab. Mentalitäten und Charaktere kann man nicht ändern. Man kann sie beeinflussen und stützen, verbessern und fördern.

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Das API (1230 Wien, vormals „Kalksburg“)
Das Orpheus-Programm des API.

Marcus J. Oswald (Ressort: Andere Sucht, Alkohol, Therapiestationen)

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