Franz Josef Gelles erhält knapp vor seinem Tod fünf Monate Haft

Landesgericht Wien.

(LG Wien, am 8. Oktober 2010) Der Wiener Franz Josef Gelles betritt um 13 Uhr 15 den Gang durch die Glastür. Blass, graue Haare, abgemagert. Dunkler Pulli, ausgebeulte, an den Hüften hängende Jeans, blaue Birkenstockschlapfen wie Elsner. Vor sich schiebt er auf vier Metallrädern eine im Fahrgestell kerzengerade befestigte, weiße Eisenflasche: Der Sauerstoff. Die ein Meter hohe Metallflasche ist mit einem durchsichtigen Schlauch in seine Nasenlöcher verbunden. Ein junger Justizwachebeamter begleitet ihn. Gelles nimmt am Holzsessel Platz. Er beugt sich nach vor. Legt seinen Kopf in die zum Rechteck geschlossenen Arme, die sich an der Sauerstoffflasche stützen. Franz Josef Gelles braucht Ruhe. Er nickt ein. Der Herausgeber sitzt neben ihm. Man hört den Sauerstoff zischen. Tssssccchhuuhhh. Kurze Pause. Tssssccchhuuhhh. Das leise Atmen der Drucktechnik macht Gelles das Leben noch ein paar Monate möglich. Er wird bald sterben. Ein Gutachten sagt: „HIV-positiv im Endstadium“.

Den Tod vor Augen

Heute hat er Gerichtsauftritt. Er sitzt in U-Haft wegen einer anderen Sache. Eigentlich ist er haftunfähig, laut Gutachten. Zu Hause ist er fast rund um die Uhr ans Bett gefesselt. Die Sauerstoffflasche neben ihm. Da er in U-Haft wegen eines Raub-Vorwurfes ist, kommt er zu seiner Suchtgiftverhandlung aus der Justiz. Jetzt heißt es eine halbe Stunde Warten. Die Verhandlung ist für 13 Uhr 30 angesetzt, doch sie beginnt erst um 13 Uhr 45, da Richter Ulrich Nachtlberger Verzögerung mit einem Betrugsfall hat, den er seit Mittag verhandelt. Der etwa 50-jährige Gift-Kriminalbeamte, der als Zeuge da ist, murrt am Gang in tirolerischem Dialekt. „Jetzt bin i schon vier Mal wegen Euch hergekommen.“ Jetzt muss er wieder Warten, weil der Richter nicht weitertut.

Süchtiger Belastungszeuge

Ein weiterer Zeuge ist auch da. Er sitzt derzeit in der JA Simmering 2.5 Jahre ab, wovon vier Monate um sind. Der rund 35-jährige Jugoslawe Zijad Salkic mit Knebelbart, Glatze und glasigen Augen erzählt im Small-Talk, dass er derzeit auf „55 Hepta“ ist. „Sein“ Kriminalbeamter wünscht ihm Glück, „dass Du wegkommst vom Gift“. Der Jugoslawe verspricht Haus und Hof, dass er sich runterlässt. Der Kieberer hört halb weg, bleibt aber vertraulich, auch dann, als sich der Jugoslawe leise beschwert, „dass Ihr alle einsperrts“ (gemeint: die Dealer). Unrechtsbewusstsein war und ist nie eine Stärke von Dealern. Die drei Justizwachebeamten (einer bei Gelles, der schläft, zwei beim Simmeringer Zeugen) hören stumm mit. Es will und will nicht weitergehen. Alle vertreten sich die Beine. Dann wird um 13 Uhr 45 aufgerufen.

Plotz

Jetzt wird klar, worum es geht. Eine Karlsplatz-Geschichte. In der unteren Ebene der U-Bahnstation bot sich Abteilungsinspektor Reinhold Pinter, der ganz und gar nicht wie ein Wiener redet, sondern Tiroler Dialekt spricht, als „Käufer“ an. Er trat an einen Mann heran, „ob er was hat“. Der Angefragte war Zijad Salkic. Der sagte am 6. August 2010, dass er selber nichts hat, aber jemanden kennt, „der etwas hat“. Das war Franz Josef Gelles, der sich an diesem Tag ebenso in der untersten Ebene bei der U-Bahnstation 4 aufhielt. Gelles hatte 18 Stück „Substi“ dabei. Salkic hatte keine Ware, aber der entfernt stehende Gelles. Der verdeckte Ermittler Pinter zog den Deal so auf: „Geld gegen Ware. Sonst kein Geld“. Pinter zeigte seine Brieftasche, Salkic sah, dass er das Geld hatte. Rund 200 Euro. Salkic witterte das schnelle Geschäft um seine Vermittlerprovision. Daher rief er Gelles zu sich und alle stiegen in die U-Bahn. Sie wollten eine Station bis zum Stadtpark fahren und dort den Deal abwickeln. Gesagt, getan. Alle drei fuhren eine Station. Der tirolerisch sprechende Kieberer, Salkic und Gelles. Beim Stadtpark klickten die Handschellen: Der serbische Vermittler und der Drogenverkäufer wurden verhaftet.

U-Bahn-Fahrt

Zijad Salkic auf Befragung des Richters Nachtlberger „Sind Sie eine Station mit der U-Bahn gefahren?“: „Ja. Aber ich habe ja nicht gewusst, dass das ein Polizist ist.“ Schmunzeln beim Richter: „Na klar, sonst wären Sie ja nicht mitgefahren.“ Richter weiter: „U-Bahn-Fahren. Wessen Idee war das?“ Zeuge Salkic: „Das war meine. Ich wollte meine Provision. 20 Euro.“ Richter: „Klar, das wäre über Sie gelaufen. Ohne Provision macht man das ja nicht.“

18 Substi zum Verkauf

Der Simmeringer Häftling, derzeit auf 55 Hepta, belastet Gelles schwer. Dieser habe gewusst, dass man deswegen mit der U-Bahn eine Station wegfährt, um einen schnellen Deal abzuwickeln. In der Station Karlsplatz wäre es zu gefährlich gewesen: „Die Leute haben schon geschaut“, so der Zeuge Salkic. Etwa 18 Substi wären zum Verkauf gestanden. Verkaufswert 200 Euro. Seine Provision wäre „ein Substi“ gewesen oder 20 Euro.

Angeklagter bestreitet Verkaufsabsicht

Gelles stellt das ganz anders dar. Er sagt, dass er „die 18 Substi für sich gebraucht“ hat. Nun frägt der Richter quer. Der Angeklagte hat in der ersten der zwei Zuhörerreihen im engen Saal 309 Platz genommen. „Herr Gelles: Haben Sie gewusst, dass es um einen Verkauf geht?“ Gelles: „Ich hob schon gsagt, dass i was hob.“ Nur den Kieberer kannte er gar nicht. Der wurde ihm vom selbsternannten Vermittler Salkic gebracht. Unrecht wird ihm das nicht gewesen sein, da ein schnelles Geld. Doch Gelles bleibt dabei: Er brauchte die 18 Subti für sich selber. Richter hakt nach: „Bleiben Sie immer noch dabei?“ Gelles: „Jo.“ Richter, der den gesamten Akt kennt, auch das Gutachten der tödlichen HIV-Krankheit im Endstadium, die Haftunfähigkeit, die 25 Vorstrafen: „Warum fahrns denn dann mit?“ Gelles mit einer neuen Erkärung: „Weil die Viktoria dorthin kommt, wegen der Substi!“

Andere Dealerin – Viktoria

Das ist nun ganz was Neues. Gelles erklärt nun, dass er deswegen eine Station zum Stadtpark fuhr, weil dort eine andere Dealerin Substi verkaufte und er diese kennt. „I wollt mitverdienen“, so Gelles. Den Richter überzeugt das nicht. Denn es geht in diesem Verfahren nicht um Viktoria und deren Substi, sondern um Franz Josef Gelles und seine Substi. Und diese hat er einem verdeckten Ermittler eindeutig zum Verkauf angeboten.

Die O2-Flasche pumpt ihm Sauerstoff in die Nase, während er das sagt.

Zum Verkauf kam es am 6. August 2010 nicht. Die Polizei schritt ein. Das Verfahren endet nach zwanzig Minuten. Deal ist Deal und daher ist kein Spielraum für einen Deal. Richter Ulrich Nachtlberger bleibt hart. Die Staatsanwältin hält ihren Strafantrag aufrecht. Franz Josef Gelles hat keinen Anwalt, sitzt alleine da. Er hat das letzte Wort: „Des waren meine Substi. I wollt nix verkaufen.“

Fünf Monate Zwischenstrafhaft – rechtskräftig trotz Vollzugsuntauglichkeit

Der Richter beschließt. Urteil: Fünf Monate unbedingte Haft für versuchten Verkauf von 18 Substitol. Erschwerend sind die rund 25 Vorstrafen nach Suchtmittelgesetz und Vermögensdelikte. Es gab auch kein Geständnis. Die Vorhaft von 6. August 2010 wird aber angerechnet. Der Angeklagte wird gefragt, ob er Rechtsmittel will. Er nimmt das Urteil an. „Ich habe gewusst, dass man mir nicht glauben wird“, fügt er hinzu. Der Richter will noch wissen, was das für eine andere Sache ist, weswegen er in U-Haft sitzt „der Raub. Wie sieht da die Sache aus?“ „Ich bin unschuldig“, so Gelles. Doch das wird heute nicht verhandelt. Gelles erhebt sich und schiebt seine schwere Eisenflasche mit dem Sauerstoff an. Er ist zwar nicht in Freiheit, doch die Sauerstoffflasche auf der Krankenstation des JA-Wien-Josefstadt ist sein letzter Strohhalm.

Hafttauglichkeitsfrage

Als der Angeklagte draußen ist, rätselt der Richter, wie er das nun bürokratisch lösen soll. Gelles ist für Strafhaft haftuntauglich. Derzeit sitzt er aber in einer überbrückenden U-Haft, die heute für fünf Monate zur Strafhaft wurde. „Es liegt Vollzugsuntauglichkeit vor“, murmelt der Richter. Er muss im Gesetz in seiner Kanzlei nachlesen, wie das korrekt nun abläuft. Klar ist auch, dass, sollte Gelles zum Raub (in dem es auch um Drogen ging), verurteilt werden, er als Strafhäftling entlassen wird, da er wegen der HIV-Krankheit knapp vor dem Ableben steht.

Marcus J. Oswald (Ressort: Tabs, Schlag gegen Dealer, Gericht) – 8. Oktober 2010, Saal 309, 13 Uhr 45 – 14 Uhr 05

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